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Leseprobe "Manchmal ist das Leben dünn"

aus „Manchmal ist das Leben dünn“ / „Niemandsland“ S. 295 ff.                         
(Fünf Erzählungen, veröffentlicht)

 

„Bilde ich mir nur ein, es sei eine gespannte Familienatmosphäre zuhause gewesen“? fragte er sich im Stillen. 

„Mama, jetzt muss ich Dich mal fragen: War bei uns nur eitel Sonnenschein?“

Sein seitlicher Blick auf seine Mutter überraschte ihn. Auf ihrer Stirn bildete sich eine strenge Falte, ihr Blick glitt nach unten, sie atmete schwer und fasste sich kurz ans Knie, gab sich einen Ruck und setzte ihren Schritt fort. Ebenso Peter.

„Tut Dir jetzt das Knie weh?“

„Ein bisschen. Aber es geht schon…Weißt Du, Peter, heute kann ich es Dir vielleicht sagen. Du weißt ja, dass Euch alle meine starke Sauberkeits- und Ordnungsliebe genervt hat.“

 „Ja, und? Aber das ist ja vorbei“. 

Peter war ihre Bemerkung peinlich.

„Ich habe viel darüber nachgedacht, insbesondere nach Papas Tod. Ich erklär’s dir. Diese Überreaktion war aufgetaucht nach einer Affaire, die ich hatte, als Du ungefähr 12-13 Jahre alt warst. Sie hat ca. 1 Jahr gedauert.“

Peter blieb wie angewurzelt stehen, starrte seine Mutter ungläubig an: „Du?“

„Ja, ich. Das hättest Du nicht von mir gedacht, nicht wahr?“

Wieder blieb Peter stehen, sein Mund stand offen. Er schüttelte den Kopf, schlug sich mit der linken Hand gegen die Stirn. 

„Da schau an, die eigene Mutter!“

Ruckartig wandte er sich ihr zu, lachte. 

„Die eigene Mutter hatte ein Verhältnis!“

„Ja, die eigene Mutter… deshalb kann ich Dich gut verstehen.“

Peter schüttelte seine Schultern, sein Schritt wurde zügiger. Die Mutter hielt erstaunlicherweise gut mit.

„Also, erzähl mal. Was war damals, wer war der Mann, wusste Papa davon, warst Du auch in der Klemme, ob Du gehen solltest, die Ehe auflösen usw.?“ 

Peter lachte.

„Wie hast du Dich gefühlt, ging es Dir wie mir besser? Warum hast Du Dich nicht getrennt?“