Die frisierte Wahrheit
Schneider fiel ihr ins Wort: „Die von Ihnen vorgetragenen Bedenken halte ich für unerheblich.“
„Was genau, meinen Sie denn, kann man vernachlässigen?“
„Die geringe Durchlässigkeit von speziellen Stoffen verändert nur unwesentlich die Stoffverwechslung.“
„Können Sie mir das näher erläutern? So ganz komme ich nicht…“
„Ach, wissen Sie“, brach es aus Schneider erzürnt heraus, „wie meine Nichte mir schon sagte, haben Sie einen Narren an der Wahrheit gefressen. Es gibt Fälle, wo man mit einer puristischen Haltung nicht weiterkommt. Man muss manchmal auch ein bisschen nachhelfen - ja, einfach ein bisschen frisieren.“
„Frisieren nennen Sie das? Das ist Betrügen!“
Schneider grinste wieder, diesmal süffisant.
„Meine Nichte hatte mir mal angedeutet, Sie könnten auch recht stur sein. Das habe ihr ihr Freund gesagt.“
In Lonnie sprangen Wutfunken hoch.
„Was haben denn Ihre Nichte und ihr Freund hier zu suchen? Sie werden ja völlig unsachlich.“
„In der Wissenschaft muss man auch mutig sein“, räsonierte Schneider und setzte schließlich ergrimmt hinzu: „Was habe ich mich in Ihnen getäuscht!“
Auf einmal platzte aus ihm ein wütender Wortschwall:
„Sie sind keine richtige Wissenschaftlerin. Als Sie hier anfingen, hatten Sie mir begeistert beteuert, Sie würden alles daransetzen, die Forschung hier mit voranzutreiben. Und – was tun Sie?“
Schneider ließ seine Frage, wie in den Wald gerufen, kurz verhallen.
„Sie bremsen! Sie bremsen seit Wochen. Ihnen fehlen Mut und konzeptionelles Denken.“
Am liebsten hätte Lonnie ihm eine Antwort hingepfeffert. Aber dazu kam sie erst gar nicht. Schneider ereiferte sich immer mehr.
„Wissen Sie,“ Schneider stellte seinen Kopf schräg und versteift seinen Nacken, „ich wäre nicht der erste und der einzige in der Geschichte aller Wissenschaften, der zu seinem Ruhm sich ein wenig durchgemogelt hätte oder dem das Mogeln, wenn es aufgefallen war, geschadet hätte.“
Jetzt riss Lonnie Mund und Augen auf, und Schneider geriet in Fahrt.
„Denken Sie an Robert Gallo, amerikanischer Zellbiologe, der Mitte der 80-er Jahre vorgab, das entscheidende Virus gefunden zu haben, das für AIDS verantwortlich sei. In Wirklichkeit hat er es einer französischen Forschergruppe entlehnt, die es schon Jahre vorher auf den Markt gebracht hatte. Er schmückte sich mit ihm unter einem anderen Namen. Aber, ach, was rede ich. Die Geschichte ist so verschlungen. Gallo hat mehrere Betruge begangen, jedoch sich mit seinem französischen Kollegen nach mehreren Dreistigkeiten versöhnt und mit ihm eine Organisation gegründet, die die HIV-Impfstoffforschung fördern sollte. Da sind Sie wohl platt! Ich sehe, wie Sie verstummen.“
Lonnie schluckte, trat von einem Fuß zwei-, dreimal auf den anderen.
„Ja, äh, meinen Sie“, Lonnie konnte kaum sprechen, „meinen Sie wirklich, damit sind für Sie alle Skrupel hinweggefegt?“
Schneider fuhr unerschrocken fort:
„Damit nicht genug. Er hat sogar 1999 den bedeutendsten deutschen Medizinpreis, den Paul-Ehrlich-Preis, bekommen!“
„Den haben Sie für sich jetzt wohl auch noch im Auge!“ rief Lonnie inzwischen belustigt aus.
„Lästern Sie nur! Ich will hier nicht all‘ die Namen aufführen, deren Ruhm auf krummen Wegen zustande oder zumindest fest gepflastert wurde. Selbst Galilei und Albrecht Einstein, erst recht nicht Bruno Bettelheim, der Jahrzehnte lang als der Forscher der Kindes- und Jugendpsychologie galt, und noch zig andere auf allen Gebieten sind nicht den moralisch geraden Weg gegangen.“
„Und damit wollen Sie mich jetzt locken nachzugeben?“
Fassungslos und zugleich belustigt lehnte sich Lonnie wieder an die Bücherwand. Diese hochgetriebene Diskussion hatte sie erschöpft. Ihr Kopf war leer, übrig blieb Ratlosigkeit, und sie war traurig. Alle Moral sah sie entschwinden.
[Publikation geplant]