Wie ich zum Schreiben kam
Ich war fünf Jahre alt, als ich mich von einem Jungen auf der Straße angewidert abgewandt hatte. Er hatte von mir und anderen Kindern in dem Spiel „Schule“ verlangt, obszöne Worte in den Mund zu nehmen. Er gab mir eine Ohrfeige. Drei Tage lief ich mit rotblauer Backe herum. Daraufhin mied ich die Straße und blieb zuhause in der Wohnung, wollte vorläufig nicht mehr nach draußen. Mit der Zeit wurde es mir zu langweilig. Außerdem liebte es mein sechs Jahre älterer Bruder, wenn wir allein in der Wohnung waren, mich zu piesacken. Also gab ich mein Domizil auf und ging wieder runter auf die Straße. Ich setzte mich in eine Fensternische des großen Wohnhauses, die zu einem ebenerdig gelegenen Rechtsanwaltsbüro gehörte, auf einen Sims und schaute auf den Bürgersteig und zu den vorbeifahrenden Straßenbahnen weiter weg. Da lief ein kleines Kind, vielleicht vier Jahre alt, neugierig auf mich zu:
„Was machst du da? Warum sitzt du da?“
Bevor ich eine plausible Antwort geben konnte, kam ein zweites, das mich gleichfalls mit großen Augen anschaute, dann ein drittes, und noch eins und noch eins. Alle Kinder, Mädchen und Jungen, warteten auf meine Antwort. In dem Moment durchfuhr mich ein heißer Strahl, ein glühendes Bestreben, ein einziger Gedanke durchzuckte mich: Diese Kinder dürfen dem fiesen Jungen nicht in die Hände fallen, er darf sie nicht verderben. Sie brauchen etwas anderes.
Ich liebte Märchen. Meine Tante, die bei uns auf der gegenüberliegenden Etagenwohnung mit ihrem Mann gelebt hatte, – sie war Gesangs- und Klavierlehrerin - hatte mir gerne Märchen nach meiner Klavierstunde bei ihr vorgelesen. Für mich waren das kostbare Momente.
Ich frage laut in die Runde:
„Mögt ihr Märchen?“
Einige Kinder nickten, ein kleines Mädchen fragte:
„Was ist ein Märchen?“
„Ein Märchen ist eine Geschichte, die etwas über uns und die Welt erzählt“, antwortete ich.
Die Kinder sahen mich wieder mit großen Augen an.
„Soll ich euch ein Märchen erzählen?“ fragte ich mit lauter Stimme.
„Au ja“, riefen einige erfreut.
„Aber du hast doch gar kein Buch. Du kannst doch noch nicht lesen“, kicherte ein schwarzhaariger Frechdachs.
„Ich erzähle euch ein Märchen, das ich mir ausdenke. Hört gut zu!“
Ich holte tief Atem, ließ meinen Blick in der Runde schweifen und begann klassisch: „Es war einmal…“
Die Kinder wurden ganz ruhig, setzten sich auf den Boden, zwei legten einander die Arme um ihre Schultern, alle lauschten.
So ging es einige Tage. Sobald ich mich auf der Straße zeigte und eines dieser Kinder mich sah, rief es: „Renate, Renate, erzähl uns eine Geschichte!“
Dann trafen wir uns per Zufall in größeren Abständen. Mit der Zeit lief der Brauch aus.
Der gemeine Junge, jetzt fällt mir auch sein Name wieder ein, Conny, ist mir nie wieder über den Weg gelaufen, auch den Kindern nicht, ich habe sie gefragt.
Ich weiß heute nicht mehr genau, was in meiner ersten Geschichte vorkam, irgendetwas mit einem Boot, mit dem ein Junge nachts bei Silbermondschein über einen schmalen Fluss durch ein lichtes Waldgebiet mit einem Paddel vorwärtszieht. Wie es weiterging, ist mir heute entfallen.
Bald darauf kam ich in die Schule. Ich hatte mich riesig darauf gefreut: endlich lesen und schreiben lernen. Für meine ersten Aufsätze in den späteren Jahren erhielt ich sehr gute Noten. Ich war natürlich mächtig froh und stolz. Leider waren diese Noten bis zum Abitur kein Dauerbrenner.
Aber das hat mich nicht abgehalten, da und dort kleine Geschichten zu schreiben, natürlich auch Tagebuch und Reisebücher, allerdings nur für mich.
Was hat mich über die Jahre so lange oder genauer immer wieder in Intervallen am Schreiben zur Stange halten lassen? Mit Erzählen und Schreiben kann ich Erlebtes und meine Phantasie - von der hatte ich viel - lebendig halten und Verhalten von Menschen tiefer verstehen.
Das Verstehen habe ich mit meinem später gelernten Beruf der Psychologin und Psychotherapeutin studiert und weiter verfolgt. Im Kopf blieb mir immer der geheime Wunsch: Ich möchte schreiben.
Eine schwierige Lebenssituation mit ganz wenig Spielraum für mich selbst drängte mich vor Jahren zur Entscheidung. Ich beschloss zu schreiben, egal wie und wann. Ich holte bereits verfasste Erzählungen hervor, überarbeitete und ergänzte sie, schrieb neue Geschichten. Mein Schreiben erschien mir als Halt, als das Einzige, das mir gehörte, das ich bestimmen und gestalten konnte. Das ist so geblieben bis jetzt, wo mein Leben sich wieder entspannt hat.