Skip to main navigation Skip to main content Skip to page footer

Im Ungefähren

Philipp hört Martina nicht mehr richtig zu, sie redet weiter, erzählt von den Entwürfen der Kostüme, nach denen sie in der Bibliothek recherchiert hat, erzählt von den Proben, denen sie teilweise beiwohnen durfte, und die bei ihrer Ideensuche für die Kleider für sie wichtig waren. Die Auswahl von Farbe und Form sollten farblich die Stimmung der jeweiligen Szene mittragen als auch gut tragbar von den Sängern sein. Stoff und dessen Verarbeitung sollten zudem so beschaffen sein, dass sich die Sänger mühelos für den nächsten Szenenwechsel rasch umziehen können.

Sie stellt ihm Fragen, auf die er mit kurzem „mhm, mhm“ oder einem Nicken antwortet. Martina wirkt unbeschwert. Sie scheint in ihrem Element, so dass ihr die fahrige Aufmerksamkeit von Philipp entgeht. Sie wandern durch die unteren Gänge, wo Großaufnahmen von berühmten Sängern und Sängerinnen, Dirigenten und weltbekannten Tänzern und Tänzerinnen an den Wänden hängen. 

Von Joan Sutherland über Maria Callas bis hin zu Anna Nebtrebko, von großen Tänzern wie Vaslav Nijinsky, Rudolf Nurejev, Margot Fonteyn bis zu Sylvie Guillem ist alles dabei. Philipp wird ganz andächtig.
Es klingelt, Martina zupft ihn am Ärmel und zieht ihn in Richtung Parketteingang. Die Oper geht weiter.
Wieder versinkt Philipp in den Bann der emotional geladenen Geschichte mit rauschhaften Höhepunkten und schmerzhaften Enttäuschungen, umwunden von inniger Liebe und Verzicht und schließlich vom traurigen Tod Violettas, die der Schwindsucht erliegt. Die entsprechende musikalische Vertonung Guiseppe Verdis hat ihn in den Fängen.

Die Oper verklingt, der Vorhang zieht sich wieder zu. Philipp fühlt sich wie aufgeweicht. 
Als Sänger und Dirigent vor den Vorhang treten, springt Philipp auf und klatscht wie besessen. Martina lächelt ihn erfreut und wie siegessicher von der Seite an.
Noch zwei Vorhänge, dann erheben sie sich von den Sitzen.

Draußen auf der Straße fragt Martina ihn freundlich:

„Möchtest du noch irgendwo  mit mir einkehren?“

„Das würde ich sehr gerne. Aber ich gebe zu, der Tag war doch sehr anstrengend für mich. So viele verschiedene Begegnungen und  Gespräche mit Entscheidungsdruck. So schön, so toll der Opernabend jetzt war – dafür danke ich dir sehr – ich bin doch etwas erschöpft. Ich wäre jetzt kein unterhaltsamer Gesprächspartner. Entschuldige, es war wirklich wunderbar.“

Martina wandert durch sein Gesicht ernst und verständnisvoll. Philipp nimmt zum ersten Mal diese etwas sachliche Seite an ihr wahr. Sie berührt ihn fast tiefer als ihre bisher versteckt flirtende Art.  
Sie nickt. 
“Einverstanden. Ich bringe dich zur U-Bahn.“
Philipp fühlt sich auf einmal behütet und ist froh, dass der Abschied so einfach ist. Er bedankt sich nochmals mehrere Male. Sie fragt , wie lange er bleibe.

„Wahrscheinlich noch zwei Tage“.

„Aha, falls wir uns nicht mehr sehen, wünsche ich Dir weiterhin viel Erfolg.“

Sie geben sich die Hand, wieder keinen Kuss.

Philipp vermisst ihn fast schon, behält aber die Fassung. Während der Rückfahrt zum Hotel stellt er sein Handy wieder an, das er für die Oper ausgeschaltet hatte. Maria hat zweimal angerufen. Er hört das Band ab. Sie fragt nur: „Wo bist du? Ist alles in Ordnung? Sollte es spät bei dir werden, rufe mich morgen Vormittag an. Gute Nacht, mein Schatz.“

Mein Gott, beide Frauen gönnen mir Ruhe und Schonraum, bringen mir so viel Verständnis entgegen! Bin ich so unattraktiv geworden?

[Leseprobe aus einem unveröffentlichten Text]